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Es Knattert die Enfield am rauschenden Bach

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Neun Tage verbringen wir in Leh in der Region Ladakh, mitten im Himalaya. Wir haben uns von Akklimatisierung an die Höhe, über eine Motorradtour mit einer Maschine der ältesten noch produzierenden Marke der Welt bis hin zu einer mehrtägigen Trekkingtour jede Menge vorgenommen. Wieder einmal kommt so einiges anders als erwartet. Es ist eine wunderschöne Zeit.

Es bleibt einem schon erst mal die Luft weg, wenn man die übelkeiterregende Anfahrt durch Berg und Tal endlich hinter sich hat und man in Leh auf etwa 3500m über dem Meeresspiegel aus dem Jeep steigt. Das liegt zum einen an der Höhe, zum anderen leider auch an den Abgasen. Kaum zu glauben, so mitten in den Bergen, wo die Luft doch am reinsten sein soll. Damit haben indische Fahrzeuge jedoch nicht viel am Hut und auch die Generatoren zur Überbrückung regelmäßiger Stromausfälle nicht. So hustet man sich eben von A nach B. In den ersten Tagen bloß nicht zu viel bewegen, an die Höhe gewöhnen und Schritt für Schritt wieder das Laufen erlernen. Für derartige Schontage hält Leh allerhand bereit, denn während der kurzen Saison von Mai bis Oktober wimmelt es hier von Nachfrage und Angebot. Während des restlichen Jahres ist die Region nicht zugänglich und wie ausgestorben. Neben Angeboten wie Rafting, Mountain Biking oder eben Trekking, die wegen Schnappatmung ohnehin ausfallen, kann man sich hier zum Yoga zurückziehen oder Kochkurse machen. Kann sich in den massenhaften kleinen Lädchen verlieren, Kashmir-Produkte durchstöbern und findet dabei schon mal einen Händler, der bis nach Europa reist um seine Waren zu verkaufen und sich als unser größter Helfer herausstellt. Kann die Zeit in einer der zahlreichen „German Bakeries“ vergessen, Croissant essen und Tee mit frischer Minze schlürfen. Kann sogar den umweltverschmutzenden Abgasen trotzen und zur Verringerung des Plastikverbrauchs seine Flaschen in einem Trinkwasser-Lädchen wieder auffüllen.

Jede Menge Monastien in der Umgebung zeugen von den stolzen 81% Buddhistischen Einwohnern. Der Islam rückt das erste Mal seit Wochen mit nur noch 15% in den Hintergrund, wird aber nach wie vor laut schallernd von den Muezzin vertreten – während des Ramadan, der 2014 grob gesagt im Juli ist, nach wie vor praktisch rund um die Uhr. Zu unserer Überraschung treffen wir eine himmel hoch meditierende buddhistische Fangemeinde an, die während des 33sten Kalachakra den Lehren und Anleitungen das Dalai Lama persönlich lauscht. Ungläubig, aber nicht uninteressiert wie wir sind, schauen wir uns das an unserem ersten Tag der Schnappatmung direkt mal an. Überwältigende Massen kommen im Schutz von Sonnensegeln und -schirmen zusammen und lauschen den verschiedenen Übersetzungen des tibetisch sprechenden Dalai Lamas über Radiofrequenz. Mit einem etwas befremdlichen Gefühl setzten wir uns dazu und hören so einiges über den Sinn des Glücks im Leben, der Suche nach Erfüllung und der Notwendigkeit von Meditation. Wir beobachten so manchen Westler, der tiefer versunken in die Ferne blickt als ein voll ausstaffierter Buddhisten-Teenie, der mit quietschbunten Turnschuhen unter seiner orange-roten Robe eher auf der Suche nach einer Möglichkeit zu sein scheint, die Menge etwas aufzumischen. So sitzen wir eine Weile, schauen uns um, lauschen ein wenig, fühlen uns nicht wirklich angesprochen , aber das muss ja auch nicht sein.

Jede Menge sieht man auch von der sogenannter „Militärpolizei“. Ob sie beschützen, oder abschirmen, oder verteidigen, oder belagern – man kann es nennen wie man will. Diese Präsenz des Militärs zeugt von der ewigen Angst Indiens, dass Pakistan seine Ansprüche an die Kashmir Region einfordert. Seit der Unabhängigkeit der beiden Staaten vom British Empire besteht Uneinigkeit, über diese Region. In einem Versuch, Staatsgrenzen nach religiöser Verteilung zu ziehen entstanden damals Pakistan und Bangladesch als dominant muslimischer Staat und Indien als dominant hinduistischer Staat. Bangladesch machte sich als bald unabhängig und Pakistan versuchte die zum großen Teil muslimische Region Kashmir nachträglich für sich zu gewinnen. Es wurde Krieg geführt, es wurden Waffenstillstandslinien etabliert und die Kashmiri selbst blieben weitgehend ungefragt, wenn auch nicht unbeeinflusst. Einen unabhängigen Staat Kashmir will keiner, auch nicht China, die neuerdings ebenfalls versuchen ein bisschen mehr Land zu erobern. Betrachtet man es einmal aus der Versorgungsperspektive hat Kashmir nämlich noch ganz andere Qualitäten, als weiche Schals zu produzieren. Im Himalaya entspringen eine Reihe lebensnotwendiger Frischwasserquellen für viele viele Länder. Wer flussabwärts sitzt (der Unterlieger), zieht dabei schnell den kürzeren, wer flussaufwärts sitzt (Oberlieger), hat das Sagen. Gebiete wie Kashmir – oder übrigens auch Tibet – sind daher strategisch unheimlich kostbar. Vor allem für Länder mit mehr als 1 Miliarde durstiger Menschen. Und schrumpfen die Gletscher nicht ohnehin und machen Frischwasser knapper? Darüber lohnt es sich nachzudenken. Für einen Gedankenanstoss empfehlen wir „Spielball Erde“ von Claus Kleber.

Nach zwei Tagen Schon- und Organisationszeit mieten wir uns die lang ersehnte (und von dem ein oder anderen Vater heiß umworbene) Royal Enfield – zum kleinen Preis von 11€ am Tag. Leh ist wohl der letze Ort auf Erden, wo das gar nicht mal besonders ist. Hier fährt, oder besser gesagt knattert, praktisch jeder mit diesen Maschinen rum, ob Einwohner oder Touri. Ganz klassisch und ohne elektrischen Starter entscheiden wir uns für das Model Bullet, das Urmodell der Firma Royal Enfield, mit dem die Marke vor 60 Jahren von England nach Indien kam. Seit einigen Jahrzenten werden die Motorräder nur noch hier produziert, zum größten Teil heute wie gestern per Hand. Mit einem 350cc Motor, Helm auf dem Kopf und dem unverkennbaren Knattern der Maschine düsen wir los. Wir erkunden unsere Umgebung in Tagesausflügen. Durch grüne Täler, am nach Pakistan fließenden Indus entlang, hinauf zu buddhistischen Monastien, über Teerstraße, Schotter und schlichtweg nicht erkennbare Wege. Das Gefühl von Freiheit, dass nur mit hundert prozentiger Mobilität kommt, durchströmt uns wieder. Mit Melanie hinten drauf würde Matthias am liebsten gar nicht mehr seine Füße benutzen. Gedanken an mehrtägige Ausflüge, zum Beispiel zu einem der wunderschönen riesigen Seen wie Pangong Tso, schießen uns immer wieder durch den Kopf. Jedoch haben wir dafür – als Welttronaut ist das kaum zu glauben und schwer zu verkraften – nicht genügend Zeit.

Nach drei Tagen Motorradfahren wollen wir für weitere drei Tage mit einer rein von Frauen geführt und betriebenen Trekking Agentur auf Wanderung gehen. Die Berge und das Himalaya hautnah und bis in den kleinsten Muskel erleben. Doch schon am zweiten Tag mit der Royal Enfield fällt es Melanie zunehmend schwer, sitzen zu bleiben, ganz zu schweigen die Fahrt zu genießen. Sie wird krank und liegt die nächsten Tage platt und fiebrig im Bett. Wir müssen den Trek absagen. Kümmert Matthias sich nicht reif für die Abschlussprüfung zur Krankenschwester um seine Patientin, düst er mit dem Motorrad umher oder erkundet die Ecken und Enden von Leh. Wir lassen es uns nicht nehmen, das Deutschland-Argentinien Finale der WM trotz Krankheit auf einer der wenigen in Leh zu findenden Leinwände anzusehen. Zum Glück, denn einen WM Sieg kann man sich nun wirklich nicht als Wiederholung ansehen. In der Pause vor der Verlängerung rollen wir uns schnell wieder ins Bett ein, und sehen schließlich nachts um halb vier das Tor zum Sieg auf unserem kleinen Fernseher im Zimmer. In der Stille nach dem Spiel, ohne einen einzigen Huper eines Autokorsos, wünschen wir uns sehnlichst nach Deutschland. Auch diese Sehnsucht, der Anflug von Heimweh geht in den nächsten Tagen wieder vorbei. Schneller durch die lustige Erfahrung, dass jeder Inder der unsere Nationalität erfährt uns mit Handschlag zum Sieg gratuliert!

Huster für Huster wird Melanie wieder gesund und isst schon bald wieder volle Mahlzeiten, statt das Leibgericht einer Kranken: zwei Tuc Kekse am Tag. Endlich ist sie wieder fit und bereit den Plan für unseren ehemals dritten Tag mit der Royal Enfield zu verwirklichen. Wir mieten erneut und machen uns auf nach Kardung La, ein Pass im Himalaya (auch wenn der Name einen eher an Herr der Ringes Mittelerde denken lässt) auf ca. 5600 m Höhe, auf den eine der höchsten befahrbaren Straßen der Welt führt. Zeitweise eher schlecht als recht knattern wir mit der Royal die schotterigen Straßen hinauf, dem Schnee entgegen. Nach fast zwei Stunden sind wir oben – auch wenn „oben“ im Himalaya wohl fast immer bedeuten wird dass drumherum alles noch höher ist :) Wir haben denn Pass bezwungen, das zählt und treibt uns pure Lebensfreude in die verfrorenen Wangen. Mit einem warmen Chai tauen wir auf und nach einer wegen der Höhe empfohlenen Zeit von nur 20 Minuten machen wir uns auf den Rückweg zu niedrigeren Gefilden.

Die Abreise aus Leh rückt näher. Immer noch etwas wehmütig, dass wir keinen Trek machen konnten, sind wir doch unheimlich zufrieden und glücklich über unsere Zeit im Himalaya. Das fröhliche knattern der Royal Enfield wird uns noch lange in den Ohren liegen und das Gefühl, dem Himmel so nah zu sein uns ewig begleiten.

Wo wir sind...

Zentral & Südamerika
Position Hawaii
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Literatur & Filme

Cambodias Curse von Joel Brinkley [Buch]
Kambodschas Geschichte von Vorgestern bis Heute

Rumour of Spring von Max du Preez
[Buch]
Südafrika nach 20 Jahren Demokratie


Spielball Erde von Claus Kleber: [Buch], [Dokumentation], [IPad-App]
Kampf um knappe Ressourcen

12 Years a slave
[Buch],[Film]
Wahre Geschichte eines entführten und versklavten Amerikaners

Webseiten

Kiten im Paradies bei D&D Kitetravel

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